Dead Man’s Badge

Sterben in Lansdale

 

Robert E. Dunn


übersetzt von Philipp Seedorf

  





This Translation is published by arrangement with BRASH BOOKS LLC
Title: DEAD MAN’S BADGE. All rights reserved.

 

Diese Geschichte ist frei erfunden. Sämtliche Namen, Charaktere, Firmen, Einrichtungen, Orte, Ereignisse und Begebenheiten sind entweder das Produkt der Fantasie des Autors oder wurden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, lebend oder tot, Ereignissen oder Schauplätzen ist rein zufällig.

Impressum


Deutsche Erstausgabe
Originaltitel: DEAD MAN’S BADGE
Copyright Gesamtausgabe © 2019 LUZIFER-Verlag
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

 

Cover: Michael Schubert
Übersetzung: Philipp Seedorf

  

Dieses Buch wurde nach Dudenempfehlung (Stand 2019) lektoriert.

  

ISBN E-Book: 978-3-95835-423-4

  

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Kapitel 1

 

Nichts ist leicht – nicht einmal das Sterben. Zumindest war es das nicht für mich.

Die halbe Stunde, in der ich beim blendenden Licht der Scheinwerfer in der Kälte der Wüstennacht mein eigenes Grab schaufelte, war buchstäblich die schwerste Arbeit meines Lebens.

Wenn in einem Film ein Mann sein eigenes Grab schaufelt, macht er ein perfektes, rechteckiges Loch. Er gräbt tief. In Wahrheit kratzt man eine ungleichmäßige Kuhle in den Boden, die man in Zentimetern und nicht in Metern misst. Selbstgegrabene Gräber sind immer flach. Im Film sind diese Männer stets wild entschlossen. Entweder fügen sie sich in ihr Schicksal oder planen zuversichtlich ihre Flucht. In der Realität schreien, weinen, bitten und betteln sie. Es wird immer verhandelt.

Die Hoffnung – diese Schlampe. Sie lässt einen weitergraben, sie ist der einzige Grund.

Wir schaufelten zu dritt nebeneinander und für uns war das Verhandeln vorbei. Anfangs hatten wir zu viert gegraben. Einer hatte es nicht ausgehalten. Die beiden Männer, die mit Waffen auf uns zielten, der ruhige und der andere, der über alles lachte, nannten den vierten Mann maricón.

In Ost-Texas, wo ich aufgewachsen bin, hätten wir Schwuchtel gesagt.

Ich hab die Beleidigung häufig gebraucht. Als ich hörte, wie die beiden gehässigen Killer einen anderen Mann so herablassend beleidigten, schämte ich mich dafür, kein besserer Mensch gewesen zu sein.

Als sie ihn erschossen, kauerte er im Staub und heulte wie ein Kind. Er bettelte, nicht um sein eigenes Leben, sondern darum, wieder in den Armen seiner Mutter zu sein. Ein solcher Mann zu sein – ein maricón –, hatte nichts mit den Tränen zu tun. Sie flossen, weil man ihn zur Belustigung zusammengeschlagen und in seiner Verzweiflung verspottet hatte.

Manchmal, wenn die Schlampe Hoffnung uns verlässt, können nur Tränen das Loch füllen. Ich sah nicht auf ihn herab, weil er weinte. In diesem Augenblick war ich überzeugt, ich würde bald dasselbe tun.

»Trabajar más rápido; no quiero perder toda la noche matando estos hijos de puta«, sagte der Mann, der mir am nächsten stand. »Mach schneller, ich will nicht die ganze Nacht damit verbringen, irgendwelche Arschlöcher umzulegen«, oder so ähnlich. Er hatte offenbar wenig Spaß an seinem Job. Sein Partner schien es nicht eilig zu haben.

Ich auch nicht.

»¿Quién va a enterrarel el maricóne?«, fragte der zweite Typ. Er wollte wissen, wer den Man begraben sollte, den sie schon umgebracht hatten.

»Haga que el Yankee haga un agujero más profundo. Pueden compartir«, antwortete derjenige, der seine Waffe auf mich gerichtet hielt. Ich war der Yankee. Dafür hatte ich keine perfekte Übersetzung parat, aber ich wusste, ich würde wohl ein größeres Loch graben und mit ihm teilen müssen.

Die Schaufel, die ich benutzte, war alt und der Griff abgebrochen. Er hatte ein zersplittertes Ende, das sich in die Haut grub. Mit jeder Ladung Erde wurden meine Finger entweder in Spalten im Holz eingeklemmt oder die Handfläche von Splittern zerstochen. Das trockene Holz war von meinem Blut rot verschmiert.

Aus irgendeinem Grund verfluchte ich das Werkzeug und nicht die Männer, die Waffen auf mich richteten. Ich hörte einst einen Prediger sagen, dass wir alle in der Mitte einer Leiter geboren werden. Wir klettern vom ersten Atemzug an. Jede Wahl ist entweder eine Sprosse hinauf oder hinab. Damit war ich einen Fußbreit über einer kaputten Schaufel und zwei Schritte von einem Loch im Boden entfernt am Fuße meiner eigenen persönlichen Leiter angekommen. Da gab es nicht viel dran zu rütteln. Gute Menschen endeten selten so wie ich. Das Leben hält eine Menge Entscheidungen für uns bereit, die uns immer zum selben Ort führen. Der einzige Unterschied zwischen den verschiedenen Leben war, wie man sich am Ende dieser Entscheidungen fühlte. Ich fühlte mich ziemlich beschissen.

Ich legte die Hand an das Ende der Schaufel und rammte das rostige, stumpfe Blatt in den Boden. Als sie auftraf, brach ein Stück des kaputten Stiels ab. Ein langer Splitter bohrte sich in meine Hand.

»Scheiße!« Ich presste die Wunde gegen den Mund. Der zweite Bastard lachte. Ich lutschte den salzigen Geschmack von Schweiß und Blut zusammen mit einem fünf Zentimeter langen Splitter Hickory heraus. Das Holzstück war schon vor meine Geburt tot und Teil des Schaufelgriffs gewesen.

»Sigue cavando«, sagte der Typ, der mir am nächsten stand. Er lachte nicht. Die beiden anderen schaufelnden Männern erledigten ihre Aufgabe sehr langsam. Sich Zeit zu lassen, war eine Form des Widerstands. Die Hoffnung auf eine kleine Verschnaufpause und vielleicht eine Fluchtmöglichkeit.

Sie bekamen nicht die Chance dazu.

Wieder bohrte ich die Spitze der Schaufel in den Boden meines Grabes. Sie drang nicht mehr als einige Zentimeter in den harten Grund. Ich ließ den Griff los und zog einen weiteren Splitter aus der Handfläche. Die alte Schaufel kippte um. Ich hob sie auf und stach verärgert erneut in die Erde. Das Ergebnis war dasselbe. Ich ließ Verzweiflung, Wut und Schmerz an dem verrosteten Werkzeug aus, rammte es wieder und wieder in den Boden und schrie: »Leck mich am Arsch, du beschissenes, stumpfes Dreckstück.« Dann trat ich dagegen und wirbelte eine Wolke Staub und Erde auf. Die Schaufel fügte sich leichter in ihr Schicksal als ich. Sie flog ein Stück und blieb liegen, zeigte dabei mit meinem Blut auf irgendeinen Punkt zwischen Venus und dem Horizont. Alle sahen mich an, selbst die anderen Grabenden. »Ihr könnt mich auch mal!«, schrie ich sie an, Schaufelnde und Killer zugleich. Ich trat aus dem flachen Loch.

Der eine Scherzkeks hielt seine Waffe auf die anderen beiden Männer gerichtet, die ebenfalls aufgehört hatten, zu graben. Der Kerl, der näher bei mir stand, der Ernste, zielte auf meine Brust. Er sagte kein Wort. Das musste er auch nicht. Wir verstanden beide, was Sache war.

Und etwas anderes wurde mir ebenfalls klar. Sollte er sich bereit erklären, das Loch zu graben, wäre ich schon tot.

Ein Schritt nach hinten und ich drehte mich von ihm weg. Ein weiterer Schritt und ich war am Rande des Lichtscheins der abgeblendeten Scheinwerfer des Chevy. Die Mündung der Pistole, Kaliber .40, war noch warm vom tödlichen Schuss auf den weinenden Mann, als sie gegen meine Schädelbasis gedrückt wurde.

»Deine Schaufel wartet, mein Freund«, sagte der ernsthafte Mann. Seine Stimme war eine Mischung aus Honig und Kieselsteinen. »Komm schon. Nicht trödeln, bringʼs hinter dich. Dann kannst du dich ausruhen.«

Ich öffnete langsam und bedächtig den Hosenschlitz. Meine Blase fühlte sich zum Platzen voll an, bevor der Strahl kam. Alles wirkt lauter, wenn man dem Tode nahe ist. Als die Pisse sich in den Staub Mexikos ergoss, klang es, als würde ein Pferd einen trockenen Eimer füllen. Hinter mir lachten die Killer. Ihre überraschte Heiterkeit hörte sich an wie Krähen, die von einem frischen Kadaver empor flatterten. Ich musste erbärmlich oder dämlich gewirkt haben – oder beides zugleich –, weil ich mir lieber das Hirn wegpusten ließ, als in mein eigenes Grab zu pinkeln.

Der Lauf der Pistole löste sich von meinem Kopf und ich drehte mich um.

Als er merkte, dass ich immer noch pisste, vollführte mein Möchtegernmörder einen ulkigen kleinen Rückwärtstanz. Er richtete die Waffe auf den Boden. Seine Augen folgten dem Strahl, da er nicht vollgepisst werden wollte. Er scheiterte. Als mein Urin sein Bein traf, sprang er höher. Sein lachender Kumpel machte sich fast nass vor Gekicher. Ich hob eine Hand und schubste ihn.

Ich hatte nicht über diesen letzten Akt des Widerstandes hinausgeplant. Als ich ihn schubste, war es nicht besonders fest. Ich wollte nur, dass er zu Boden ging und am eigenen Leib spürte, was er anderen antat, bevor ich starb. Es fühlte sich gut an. Sogar noch besser, als er weiter rückwärts stolperte, die Knarre nach oben riss und in den Himmel feuerte. Als die Waffe losging, verschluckte sich der zweite Kerl fast an seinem Lachen und erschoss die Männer vor sich. Die beiden Totengräber stürzten zu Boden wie Marionetten, denen Gott die Fäden gekappt hat, während sich das schartige Ende meines Schaufelstiels dem Mann durch die Brust bohrte, den ich angepisst hatte.

Menschen, die nie wirkliche Gewalt erlebt haben, fragen sich oft, was einem durch den Kopf geht, wenn die Lage eskaliert und die kalte Nacht von glühenden, winzigen, stahlummantelten Kometen durchstreift wird. Wenn man Glück hat und Erfahrung mit so etwas, geht einem gar nichts durch den Kopf. Man reagiert einfach. Man bewegt sich.

Und das tat ich.

Der Ernste war tot. Die anderen beiden Schaufler waren tot. Der Grinsekeks richtete die Waffe auf mich und ich duckte mich zur Seite weg, verringerte den Abstand. Er schoss vorbei und dann schlug der Schlagbolzen des Revolvers auf eine leere Kammer. Fünf hatte er für die Männer in den Gräbern verbraucht und mich mit der letzten verfehlt.

Ich rannte erneut durch mein eigenes Grab und auf der anderen Seite wieder raus, um eine weitere Schaufel zu schnappen. Einer der Männer, die gerade umgebracht worden waren, hatte sie fallen lassen. Ich schwöre, als ich sie aufhob, spürte ich immer noch die Wärme seiner Finger am Griff. Grinsekeks hob die Hände, um das Gesicht zu schützen, als ich ausholte. Er hätte sich nicht die Mühe machen brauchen. Ich schwang tief, zielte mit dem Blatt der Schaufel auf die Kniescheibe. Seine Schreie waren so laut wie die Schüsse vorher. Eine Sekunde später war alles ruhig. Wenigstens hatte er aufgehört zu lachen.

Als ich auf das Werkzeug gelehnt dastand, plapperte er los. Zuerst: »Bitte«. Dann sagte er das Schlimmste, was er hätte sagen können: »Longview.« Mein Name. Longview Moody – ein dämlicher Name, den mir ein Idiot gegeben hatte. Ihn aus dem Mund dieses dauerkichernden Trottels zu hören, machte ihn mir noch verhasster.

»Longview«, sagte er wieder mit flehentlich erhobenen Händen.

»Was?«, entgegnete ich – nicht sicher, ob ich wissen wollte, was er meinte oder nur zur Klarstellung fragte. Ich war diesen Kerlen nahezu wortlos übergeben worden. Vielleicht hatte man ihnen gesagt, wer ich war, aber wieso? Für die war ich nicht mehr als ein Stück Fleisch, das man loswerden musste.

Er zeigte ungefähr auf seinen Schritt und sagte: »Dienstmarke.« Mit zwei Fingern griff er in die Hosentasche.

Ich nickte und lächelte. Was sollte mich das schon kümmern? Mexikanische Cops konnte man sich für einen Appel und ein Ei an der Grenze kaufen. Die wirklich korrupten gab es im Dutzend billiger. Ich ließ ihn danach greifen und dachte darüber nach, welche Enttäuschung es wohl für ihn wäre, wenn ich ihm zeigte, dass mir seine Marke scheißegal war. Wahrscheinlich war sie ihm genauso egal, bis er sich dahinter verstecken musste. Menschen wie ich – Gangster also – sind ehrlicher, als man denkt. Wir wollen, dass unsere Cops anständig sind. Scheiße, niemand mag einen Heuchler, und es gibt keine größere Heuchelei, als einen korrupten Bullen.

Grinsekeks fummelte die Marke aus der Tasche und hielt sie hoch. Es war eine goldfarbene Dienstmarke mit einem blauen »US« in der Mitte, wie ein schlechter Witz. Außen herum standen die Worte »Drug Enforcement Agency – Special Agent. DEA« – der hielt mir eine DEA-Marke unter die Nase.

Ich drehte mich um, spuckte auf den staubigen Boden und wartete, was wohl als Nächstes käme. Es war mühsam, zu atmen, und mir grummelte der Magen. Was sollte ich tun? Was wollte ich tun? Der Kerl hätte mich mit einem Lächeln kaltgemacht. Ich konnte ihn genauso gut hier zum Sterben in der Wüste zurücklassen, aber so grausam bin ich nicht.

Ich bin viel schlimmer.

Ich hob die Schaufel und brach ihm das andere Bein. Als er nach dem zu Boden gefallenen Revolver griff, auch wenn er leer war, zerquetschte ich seine Finger unter dem Stiefelabsatz und kickte die Waffe weg. Er wand sich im Staub wie ein Fisch auf dem Trockenen, der hoffte, das nächste Zucken würde ihn wieder ins Wasser befördern. Dabei rollte er in das mittlere Grab, zu einem der Männer, die er getötet hatte.

Das Lachen war ihm vergangen. Seine Schreie passten irgendwie besser zur Nacht. Und zu meiner Stimmung, das ist mal sicher. Er rollte auf den Bauch und versuchte sich aus dem flachen Grab wieder herauszuziehen. Ein Teil der Erde, die er dabei aufwühlte, fiel ihm in den Mund, aber er schrie weiter. Sie landete in seinem Gesicht und den Haaren, bedeckte ihn mit dem Staub, zu dem er wohl bald zurückkehren würde.

Ich trat in das Grab und steckte die Hand in seine hintere Hosentasche. Sie war ausgebeult und ich dachte, es könnten die Autoschlüssel sein. Es war eine Handvoll loser Patronen. Ich warf sie in die Dunkelheit, bis auf eine. Ich griff nach dem Revolver und der Dienstmarke. Die Marke steckte ich ein, und nachdem ich die Trommel der Waffe geleert hatte, lud ich sie mit der einen verbliebenen Kugel.

Dann merkte ich, dass der Komiker aufgehört hatte zu schreien und mich von seinem Grab aus ansah.

»Das kannst du nicht tun«, sagte er. Seine Stimme war so schwach wie die Behauptung, die er geäußert hatte. Er wusste sehr wohl, dass ich es konnte.

»Eigentlich bin ich hier fertig.« Ich hielt den Revolver hoch, damit er ihn sehen konnte. »Den Rest musst du schon selber machen.« Damit ließ ich die Waffe fallen.

»Das kann ich nicht.«

»Sicher kannst du das. Wenn du es nur wirklich willst.«

»Hab doch Mitleid.«

Ich sah ihn finster an und dachte sogar einen Moment darüber nach – einen Moment länger als er es verdient hatte – und sagte: »Nein.«

Er bettelte weiter. Ich ignorierte ihn, während ich den Boden nach der Automatik, Kaliber .40, absuchte, die man mir an den Kopf gehalten hatte. Sie lag in dem Loch, das mein Grab hatte werden sollen. Ich durchsuchte die Taschen des Mannes, der den Schaufelstiel in der Brust stecken hatte. Er besaß ein Ersatzmagazin, aber keinen Autoschlüssel. Ich verschwendete ein paar Minuten damit, danach zu suchen, bevor mir einfiel, im Chevy nachzusehen. Der Schlüssel steckte im Zündschloss, daran ein Ring mit ein paar anderen, von denen ich nicht wusste, wofür sie waren, und einem kleinen Plastik-Jesus. Der Wagen sprang sofort an. Danke, Jesus.

Als ich zurücksetzte und den Weg entlangfuhr, der wer weiß wohin führte, sah ich, wie der Komiker aus dem Grab kroch. Er versuchte so schnell wie möglich an die Waffe zu kommen, die ich im Staub hatte liegenlassen. Ich fragte mich, ob er auch das Heulen des Kojoten gehört hatte.

Der inoffizielle Friedhof lag tief in der Wüste. Nach 20 Minuten auf der staubigen Schotterpiste, fragte ich mich, ob ich genug Sprit hatte, um wieder in die Vereinigten Staaten zu kommen. Das führte zu einer weiteren Frage. Wollte ich wirklich dahin? Ich hatte in Juarez Kohle abgeliefert, als sie mich geschnappt hatten. Eine Menge Leute wissen vielleicht nicht, dass es schwerer sein kann, Geld zu transportieren als Drogen. Es war meine Spezialität. Ursprünglich habe ich es nur gestohlen, später transportiert. Es stellte sich raus, dass man sehr viel besser Geld machen kann, wenn man auf die Kohle aufpasst, statt sie zu stehlen. Ich habe gesagt besser, nicht mehr. Die Wahrheit ist, dass eine Menge Kerle, die klauen, einen gewissen Teil ihres Lebens im Knast sitzen. 100.000 wären für den durchschnittlichen Berufskriminellen eine Menge Geld. Und es hört sich auch nach einer Menge an, bis man die Kosten berücksichtigt. Wenn man für ein Familienunternehmen arbeitet, sacken die schon mal einen fetten Brocken ein. Selbst Verbrechen wird besteuert. Die Anwälte wollen auch noch ihren Teil. Und dann ist da der Preis, auf den es tatsächlich ankommt – Gefängnis. Nehmen wir mal an, man hat keine Knarre benutzt und kriegt nur 15 Jahre; zehn davon sitzt man ab für seine 100.000. In irgendeinem beschissenen Großraumbüro hätte man mit legaler Arbeit mehr verdient. Aber wenn Kriminelle clever genug wären, ihr Leben auf die Reihe zu kriegen, würden die Anwälte verhungern.

Der Weg war mehr Trampelpfad als Straße und ich fuhr schneller, als jemand mit gesundem Menschenverstand es getan hätte. Gleichzeitig versuchte ich zu rekonstruieren, wie ich eigentlich hier gelandet war. Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort aufgetaucht. Kein Cent hatte gefehlt. Ich hatte keine Spuren hinterlassen. Alles hätte prima laufen sollen. Trotzdem war irgendjemand angepisst gewesen.

Der Schlag war aus dem Nichts gekommen. Ein kräftiger Hieb mit einem Pistolengriff auf den Hinterkopf, der mich zu Boden gehen ließ. Ich hatte Sternchen gesehen und alle Geräusche schienen lange Zeit nur wie durch eine dicke Wand an mein Ohr zu dringen. Ich glaube nicht, dass ich wirklich bewusstlos wurde. Nicht, dass es was geändert hätte. Eine Sekunde, nachdem das Feuerwerk im Kopf hochgegangen war, schlug ich auf dem Boden auf. Bevor ich es mir da aber bequem machen konnte, wurden meine Hände hinter dem Rücken gefesselt. Danach hatte ich mich eine Weile auf dem Boden gewunden, auf dem nach Hund stinkenden Teppich, bis man mir einen Sack über den Kopf gezogen hatte. Hände hatten mich an den Fußknöcheln gepackt. Ich war über den Teppich gezerrt und dann von zwei Männern hochgehoben worden. Sie hatten mich nach draußen getragen und in den hinteren Fußraum des Wagens geworfen. Ich glaube, die beiden anderen Männer waren schon im Kofferraum verstaut gewesen, also konnte ich mich eigentlich nicht über den Reisekomfort beklagen.

Das alles wieder in meinem Kopf ablaufen zu lassen, half mir aber nicht, das Warum zu verstehen. Genauso wenig wie das Wo. Im Wagen hatte kaum jemand etwas gesagt und mein Kopf steckte in einem Sack. Ich hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war. Ich hätte an jedem beliebigen Ort im Umkreis von ein paar hundert Meilen um Juarez sein können, wo die Geldübergabe stattgefunden hatte.

Irgendetwas bewegte sich in den schaukelnden Scheinwerfern des Chevy. Pechschwarz flatterten sie wie finstere Engel empor, die aus einer Wunde im Erdboden entkommen – Vögel. Sie hatten sich am Kadaver eines Gürteltiers gelabt. Ich steuerte vorsichtig um das tote Tier herum. Im Rückspiegel sah ich, wie die flatternden, schwarzen Schatten hinter dem Wagen wieder landeten.

Was war wohl mit Matias? Er war mein Kontakt. Beinahe drei Jahre lang hatte ich Cash aus verschiedenen Gegenden der USA zu Matias in eine von drei mexikanischen Städten gebracht, entweder Juarez, Nogales oder Mexicali. Ich machte die Übergabe, bekam mein Geld und ein neues, nicht registriertes Handy. Matias rief mich auf dem Wegwerfhandy an, wenn es was abzuholen gab. Bis zu diesem Anruf wusste ich nicht, wo ich etwas abholen sollte oder zu welchem der drei Übergabeorte ich fahren würde. Es war ein gutes System. Zumindest so lange, bis ich einen unerwarteten Schlag auf den Kopf bekam und in die Wüste gefahren wurde, um dort zu sterben.

In dieser Nacht hatte sich – von dem Moment an, als ich in dem Haus ankam, in dem die Übergabe stattfinden sollte – alles irgendwie falsch angefühlt. Normalerweise empfing mich immer Matias mit einem breiten Grinsen und einem Bier. Er war ein knallharter Typ, der jeden sofort aufschlitzen würde, der versuchte, ihn übers Ohr zu hauen. Abgesehen davon war er ein netter Kerl. Ich hab nie versucht, zu bescheißen oder etwas von dem Geld abzuzweigen. Er behandelte mich wie einen Freund.

Aber an diesem Tag waren Matias, sein Grinsen und das Bier durch einen dünnen Mann im Anzug und einen dunklen Raum voller Schlägertypen ersetzt worden. Matias hatte nie einen Haufen Männer fürs Grobe gebraucht. Er hatte lieber selbst angepackt. Und er hatte auch nichts für theatralisches Halbdunkel übriggehabt. Dieser andere Kerl war offenbar jemand, der eher im Hintergrund die Fäden zog. Er war groß und schlank, hatte scharfe Gesichtszüge und sein Auftreten ließ die Temperatur im Raum gefühlt um zwei Grad fallen. Besonders gut konnte ich ihn allerdings nicht erkennen. Als er zwischen mich und ein erleuchtetes Fenster trat, sah ich eine lange Nase und kantige Gesichtszüge.

Der dünne Mann hatte durch den Lichtstreifen gegriffen, der in eines der Fenster fiel, um das Geld von mir entgegenzunehmen. Seine Hände hatten wie Klauen gewirkt. Dürre Finger mit langen, gelben Nägeln. Auf der Haut direkt hinter den Fingernägeln trug er Tätowierungen – Totenschädel. Sechs Finger, vier an einer und zwei an der anderen Hand, waren auf diese Weise tätowiert. Sie wirkten ungewöhnlich – keine schlichten Totenköpfe, sondern sorgfältig ausgearbeitete, verzierte Schädel, typisch für den Dia de los Muertos. Sie sahen alle unterschiedlich aus. Alle farbenfroh, originell und ein wenig furchterregend. Ich konnte nicht anders, als sie für eine schönere Version einer Kerbe im Pistolengriff zu halten.

Er hatte das Geld genommen und es in der Hand gewogen, als könne er nur durch das Gewicht den Wert bestimmen. Nach einem kurzen Moment, in dem er zu überlegen schien, warf er das Geld auf einen Kaffeetisch vor einer alten Couch. Mit dem Geld hat es so seine Bewandtnis. Selbst die abgebrühtesten Schweinehunde behandeln es entweder mit Ehrfurcht oder mit bewusster Geringschätzung. Selten wird ein Bündel Scheine, das mindestens eine Million Dollar wert ist, nachlässig behandelt – außer eine lausige Million ist für denjenigen bedeutungslos. Er warf es beiläufig auf den Tisch, auf dem bereits mit Folie umwickelte Ziegel aus Kokain und Gras lagen.

In dem Augenblick wurde mir klar, dass Matias tot war.

Wissen kann eine schreckliche Sache sein. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte ich immer noch glauben. Es war egal, was – ich konnte glauben, was ich wollte. Sobald ich es wusste, war der Glaube tot. All die Türen, die in verschiedene Gänge führten, und dem Glauben offenstanden, wurden zugeschlagen. Nur eine Tür blieb.

Der Mann hatte gesagt: »Hacerle Desaparecer.« Lasst ihn verschwinden.

Diese Tür hatte sich mit einem Feuerwerk in meinem Kopf geöffnet.

Der Weg, auf dem ich fuhr, wurde endlich breiter und ebener. Er brachte mich zur Rückseite einer Müllkippe, die mit Reifen, alten Kühlschränken und Unrat gefüllt war, durch den sich Kojoten wühlten, und Ratten, die groß genug waren, keine Angst vor den Kojoten zu haben. Augen leuchteten rot und grün, als das Scheinwerferlicht auf sie traf. Auf der anderen Seite der Müllkippe war eine Kreuzung. Ein weiterer unbefestigter Weg, auf dem man sich bestens die Ölwanne aufreißen konnte. Ich bremste den Wagen ab und ließ den Motor laufen, während ich überlegte, in welche Richtung ich fahren sollte.

Einen Weg wählen zu wollen war aber nur ein Vorwand. Ich kam langsam, doch unerbittlich von meinem Adrenalinrausch runter. Plötzlich war mir kalt und ich schwitzte. Die Hände zitterten und der Magen fühlte sich an, als sei er mit Schlangen gefüllt. In solchen Momenten ist es ganz normal, sich zu fragen: Wie bin ich eigentlich hier gelandet? Normal, aber idiotisch, zumindest für mich. Ich wusste es. Ich glaube, die meisten von uns wissen es, aber ich hatte keinerlei Zweifel.

Ein grünes Augenpaar beobachtete den Wagen. Sie blieben am Rand der Straße, knapp außerhalb des Lichtkegels der Scheinwerfer. Ich schaltete die Heizung ein. Dabei fiel mir der Haufen Habseligkeiten auf dem Boden der Beifahrerseite auf. Vier Geldbeutel, loses Kleingeld, Papierfetzen und ein Taschenmesser. Ich schnappte mir mein Portemonnaie und durchsuchte die anderen nach Geld. Ein paar Dollar – nicht unbedingt der Betrag, für den ich diesen Job gemacht hatte.

Die Pistole Kaliber .40 lag noch immer auf dem Sitz, auf den ich sie zusammen mit dem Ersatzmagazin geworfen hatte. Ich begutachtete sie. Das geladene Magazin glitt sanft heraus und der Schlitten ließ sich ebenso leichtgängig zurückziehen, um die Patrone aus dem Lauf auszuwerfen. Die Waffe war gepflegt, sauber und geölt. Ich hätte sie wohl behalten, wenn es nicht eine typische Zuhälterknarre gewesen wäre. Die Mexikaner standen auf so was – vernickelt, der Griff mit falschem Perlmutt belegt. Die hier hatte neben diesen Mätzchen ein kleines Extra: Sieben Kerben, auf der Rückseite in den Stahl des Griffes gefeilt. Das waren sicher keine Kratzer. Sie waren sorgfältig ausgefeilt und entgratet. Die Kerben hatte derselbe Mann angebracht, der die Waffe saubergehalten hatte. Es verschaffte mir zumindest ein wenig Befriedigung, dass dieser Mann mit einem rostigen und schlecht gepflegten Gartenwerkzeug getötet worden war. Ich zählte die Patronen in beiden Magazinen und steckte die aus dem Patronenlager in das Magazin zurück. Drei fehlten. Eine hatte den weinenden Mann getötet und zwei waren in den Himmel gefeuert worden.

Als alles wieder zusammengefügt war, blickte ich zum ersten Mal seit einer geraumen Weile hoch. Ich wurde von mehreren Augenpaaren beobachtet. Die Tiere waren nähergekommen. Sie kreisten mich ein, offenbar mutiger geworden, während ich bewegungslos dagesessen hatte. Wären sie nicht gewesen, hätte ich vielleicht den Motor ausgemacht und gewartet, bis es hell wurde. Stattdessen trat ich aufs Gas und drehte das Lenkrad nach rechts. Ein paar Minuten später wurde ich von einem Lichtstreif am Horizont belohnt. Scheinwerfer auf einer befestigten Straße. Ich fuhr auf den Asphalt und bog erneut nach rechts ab.

Nach kurzer Zeit erreichte ich den Highway 2, in der Nähe einer Stadt namens Barreales. Von dort waren es etwa 20 Minuten bis nach Juarez, dem nächsten Grenzübergang. Ich wollte nur so schnell wie möglich wieder auf die amerikanische Seite der Grenze, aber …

Während ich weiterfuhr und die Nachwirkungen des Schreckens und der Wut dieser Nacht langsam verflogen, fielen mir weitere Gründe ein, wieso ich in Juarez einen Zwischenstopp einlegen sollte.

Der Himmel war noch in das Dunkel der Nacht gehüllt und mit Sternen gesprenkelt, als ich mich der Stadtgrenze näherte. Ich parkte den Wagen und der Horizont wurde im Osten langsam von der Sonne in zartes Pink verwandelt. Ich musste mich beeilen.

Das Haus, in dem die Übergabe stattgefunden hatte, war von meinem Parkplatz nur sechs Türen entfernt. Ich schlich mich steifbeinig staksend durch die Schatten, um die verbliebene Distanz zu überbrücken. Ich setzte auf Arroganz – auf deren, nicht auf meine. Ein Haus wie dieses, gefüllt mit Cash und Drogen, wäre in Amerika von Security-Kameras und Wachen umgeben. In einer armen Gegend in Mexiko verließ man sich in den Häusern der Kartelle auf Mundpropaganda. Jeder im Viertel wusste, was hinter der abblätternden blauen Farbe und den verrammelten Fenstern vor sich ging. Die Polizei wusste es. Selbst Reporter wussten es. Alle wussten es. Und sie wussten alle auch genau, was passierte, wenn man darüber redete. Man musste nicht einmal darüber reden. Es genügte, nur einen falschen Blick auf das Haus zu werfen, und es dauerte nicht lange, bis Poster von einem überall herumhingen, auf denen »Vermisst« stand. Man verschwand. Und wenn man jemals gefunden wurde, dann nur, weil die Leiche als Warnung dienen sollte. Manchmal war der Torso eine Botschaft und der Kopf eine andere und so weiter.

Der Punkt ist, niemand wagt sich in ein Kartellhaus; man müsste verrückt sein, das zu tun – mehr als verrückt. Selbst die Verrücktesten unter uns haben einen Selbsterhaltungstrieb. Ich war nicht verrückt. Aber ich war so gut wie tot, als man den Sack über meinen Kopf gestülpt hatte. Dem Tod von der Schippe zu springen, verändert die Perspektive aufs Leben ganz gewaltig, das kann ich euch sagen. Danach besteht für viele das Leben aus blauem Himmel, Regenbogen und Cocktails am Strand. Ich war aber nicht wie die meisten Menschen und ich war mächtig angepisst. Mit einem wütenden, toten Mann legt man sich besser nicht an.

Ich kam bis zur Tür, ohne dass irgendein Alarm ausgelöst wurde. Damit ließ ich die normale Welt hinter mir. Alles andere stand in den Sternen – sobald ich diese Tür durchquert hatte. Ohne Zögern trat ich ein.

Ich musste sie nicht eintreten oder aus allen Rohren feuernd hineinstürmen. Ich versuchte es erst einmal mit dem Türknauf. Die Tür öffnete sich problemlos, aber nicht lautlos. Sie quietschte. Nachdem sie sich nicht mehr bewegte und halb offen stand, wartete ich einen Moment. Niemand schrie oder sah nach, woher das Geräusch gekommen war. Ich schlich mich rein. Ein fast unsichtbarer Schatten glitt über die Tür, als ich vorbeiging. Ich warf einen Blick über meine Schulter auf den Horizont im Osten. Er verfärbte sich langsam von zartem Pink zu flammendem Rot.

In dem dunklen Raum lagen Flaschen und Männer verstreut. Den dürren Mann mit den Schädeln auf den Fingern sah ich nirgends. Er war vermutlich nicht allzu weit entfernt, denn das Bündel Geldscheine, das ich am Abend geliefert hatte – gefühlt vor einer Ewigkeit – lag auf der Couch. Ebenfalls auf der Couch, eingerahmt im fahlen Licht, das durch die Tür fiel, schlief ein Mann, den ich nie vorher gesehen hatte und der eine Schrotflinte in den Armen hielt. Er war das Klischeebild eines Mexikaners – enge Jeans und Cowboystiefel mit langen Spitzen. Um die Hüften trug er einen verzierten Gürtel mit einer riesigen, gold-silbernen Schnalle im Rodeo-Stil. Die obere Hälfte des Gesichts war von einem Cowboyhut aus Stroh bedeckt. Im offenstehenden Mund sah man einen Goldzahn. Ich verspürte schon allein deswegen den Drang, ihn zu erschießen, weil er die übrigen Mexikaner schlecht dastehen ließ.

Ich beherrschte mich und griff stattdessen nach dem Bündel Geldscheine. Im Film wäre er aufgewacht und das Klick-Klack der durchladenden Schrotflinte hätte mich gewarnt. Aber das Leben ist kein Film. Daran erinnert mich schon mein ständiges Scheitern, der Held zu sein oder das Mädchen abzukriegen. Typen wie dieser, Söldner des Kartells, die einen zehn Pfund schweren Block aus Hundert-Dollarnoten bewachen, schlafen nicht mit einer ungeladenen Waffe. Was mich warnte, war die plötzliche Stille, als er aufhörte durch den Mund zu atmen. Ich musste mich nicht länger zurückhalten. Er hob die Schrotflinte – oder versuchte es, ohne weit zu kommen. Ich hatte die Pistole bereits auf ihn gerichtet, als ich mich dem Geld genähert hatte. Mein Schuss drang durch den Hut, der immer noch sein Gesicht bedeckte.

Betrunkene, überraschte Männer versuchten so schnell wie möglich auf die Beine zu kommen und nach ihren Waffen zu greifen. Ich handelte erneut, ohne zu zögern. Ich drehte mich von dem Toten weg und feuerte auf die anderen Männer. Meine einzige Chance bestand darin, sie schneller umzulegen, als sie brauchten, ganz wach zu werden. Zuerst schoss ich dem Mann in dem Sessel eine Kugel durchs Herz, ehe er überhaupt aufgestanden war. Dann widmete ich mich den Kerlen, die auf dem versifften, nach Hund stinkenden Teppich gelegen hatten. Drei Männer. Drei Schüsse. Das Mündungsfeuer und der Lärm der Pistole waren in dem dunklen Raum wie ein tobendes Gewitter aus Blei.

Ich hatte mich getäuscht. Es waren vier Männer auf dem Boden. Ich hatte einen übersehen, der hinter dem Sessel geschlafen hatte. Er feuerte einen Schuss ab, der die Haare an meinem Ohr streifte. Ich wirbelte herum, ließ mich auf die Knie fallen und schoss. Drei Kugeln streckten ihn nieder. Als ich auf dem Boden war, blieb ich erst einmal dort. Männer hasteten schreiend aus den Schlafzimmern, wie wütende Ameisen, in deren Nest man getreten war. Sie rannten und feuerten. Es war Deckungsfeuer; sie zielten nicht, sondern hofften nur, den Gegner in die Deckung zu zwingen, bis sie ein Ziel ausgemacht hatten. Ich hatte den Kopf bereits unten, ließ die Pistole fallen, schnappte mir die Schrotflinte, richtete sie auf den Flur und zielte tief. Zwei Schüsse der großkalibrigen Schrotmunition rissen dem ersten Mann den linken Fuß ab und das Gesicht, als er gestürzt war. Die Männer nach ihm wurden in Schienbein und Knie getroffen. Ich erledigte sie, während sie ihre verstümmelten Gliedmaßen umklammerten.

Als ich mich wieder aufrichtete, hielt ich die Pistole im Anschlag und schussbereit. Der letzte Mann wartete. Sobald er mich im Gegenlicht des heller werdenden Himmels sah, das durch die Tür fiel, feuerte er sein Magazin leer. Es war eine dieser riesigen Handkanonen, Kaliber .50, mit sieben Patronen im Magazin und einer im Lauf. Die Geschosse konnten einen Motorblock durchschlagen oder in meinem Fall eine Ziegelmauer und waren hinterher immer noch tödlich. Aber wenn man nicht gerade Arnold Schwarzenegger hieß, trafen sie nie die Person, auf die man zielte. Sie waren zu schwer und zu langsam und der Rückstoß haute rein wie Newtons drittes Gesetz auf Anabolika. Ich ließ ihn seine Ladung verschießen und feuerte ihm dann eine Kugel durch die Augenbraue.

Zurückhaltung ist nicht die Stärke eines Drogenkartells. Im Haus herrschte Stille, und ich war mir sicher, außer mir war niemand mehr am Leben. Ich vergewisserte mich dennoch, überprüfte einen Raum nach dem anderen. Dann kontrollierte ich, ob alle tatsächlich tot waren. Und danach gönnte ich mir ein wenig Spaß. Ich nahm ein Hemd, das auf dem Boden lag, und benutzte es, um keine Fingerabdrücke auf den Waffen zu hinterlassen, als ich mit jeder einzelnen, die ich finden konnte, in die Wände, die Decke, den Boden und in die Leichen feuerte. Sobald mir die falsche Fährte ausreichend vorkam, zog ich die DEA-Dienstmarke aus der Tasche und ließ sie fallen. Ich nahm das Cash und ein Bündel Gras mit.

Die aufgehende Sonne hatte alles in Licht und Farbe gehüllt, bis ich das Haus verließ. Ein Streifen Rot am bleiernen Horizont, der sich auf den Unterseiten der Wolken orangefarben widerspiegelte. Mein Schatten war dunkel, deutlicher geworden, wie von einer neuen Art Realität erfüllt, als ich ging.

Ich sah niemanden, der mich beobachtete. Keine Gesichter in Fenstern oder Gaffer auf den Terrassen. Das hieß nicht, dass niemand hier war. In Juarez war man sehr vorsichtig oder man hatte nicht lange zu leben.

 

Kapitel 2

 

Nur das Haus zu verlassen, war nicht genug. Ich musste so schnell wie möglich das Land verlassen. Der Wagen, den ich nach Mexiko gefahren hatte, war nicht mehr da. Ich hatte immer noch den Chevy. Das Problem war, dass er nicht über die versteckten Fächer verfügte wie mein eigener Wagen. Die wären zwar auch nicht perfekt gewesen, um damit in die USA zu fahren, aber besser als nichts. Normalerweise brachte ich Geld in den Süden. Ich schmuggelte keine Drogen und war selten bewaffnet. Weder in der einen, noch der anderen Richtung erregte ich viel Aufmerksamkeit. Ein heruntergekommen aussehender Amerikaner in einem Chevy mit mexikanischen Kennzeichen zog Blicke auf sich. Mit dem Cash im Wagen würde man lange und ganz genau hinsehen – in einem kleinen, stickigen Raum unter zu grellem Licht. Deswegen hatte ich das Gras mitgenommen.

An einer 24-Stunden-Tankstelle kaufte ich ein Sandwich, eine Flasche Wasser und ein Glas mit eingelegten Gurken. Als ich zum Auto zurückging, nahm ich die Flasche mit Fensterreiniger, die an der Zapfsäule hing. Eine Minute später hatte ich das Sandwich gegessen und begab mich an die Arbeit.

Zuerst leerte ich den Fensterreiniger aus der Sprühflasche und füllte sie zur Hälfte mit Wasser. Danach öffnete ich die Packung mit dem trockenen und gepressten Gras. Ich riss zwei große Stücke ab und zerdrückte sie auf dem Betonboden, um die Öle freizusetzen. Das hatte ich aus Kochsendungen gelernt. Das zerkleinerte Häufchen kratzte ich zusammen und füllte es in die Sprühflasche. Anschließend schüttelte ich die Gras-Wasser-Mischung und wusch die Hände mit Essigwasser aus dem Gurkenglas. Ich hatte noch Hunger und aß ein Gürkchen. Dann stieg ich wieder in den Chevy.

Die Sonne war aufgegangen. Ein weiterer Tag brach an, für mich und ein paar Tausend Tagelöhner und Hilfsarbeiter, die in der Schlange standen, um die Grenze zu den USA zu überqueren. Ich fuhr nicht direkt über die Grenze, sondern langsam hin und her und besprühte jeden Wagen, der an mir vorbeikam mit dem mit Marihuana versetzten Wasser. Als der Verkehr immer dichter wurde, reihte ich mich ein. Nach etwa einer halben Stunde war der Chevy rund ein Dutzend Wagen vom Übergang entfernt und der Verkehr zum Erliegen gekommen. Die Hunde schlugen bei den Autos an, die ich eingesprüht hatte. Sie wurden herausgewunken und gründlich durchsucht.

Eine Menge Leute saßen nicht in ihren Fahrzeugen, sondern trieben sich zwischen Straßenhändlern und Bettlern herum. Niemand interessierte es, als ich ausstieg und durch die stehenden Autos schlenderte, wobei ich alles in meiner Nähe unauffällig, aber gründlich einsprühte. Die Schlangen setzten sich wieder in Bewegung. Ich schraubte den Verschluss ab und warf die Flasche hinten auf einen Pick-up-Truck.

Die Hunde drehten durch und schlugen bei den eingesprühten Wagen an. Grenzbeamte hatten fast 20 Autos anhalten lassen, die gründlich durchsucht wurden. Das musste frustrierend sein. Zumindest hoffte ich das.

Der Wagen, auf den ich die Flasche geworfen hatte, rief gewaltige Aufregung hervor. Er war so groß, man hätte darauf eine Riesenmenge Drogen verstecken können. Es half, dass die wütenden Landschaftsgärtner gerade lautstark genug protestierten, um die nervösen Zöllner felsenfest von ihrer Schuld zu überzeugen.

Bei einem solchen Chaos wird der Gringo, der auf dem Heimweg ist, nur mal kurz aus dem Augenwinkel angesehen. Zum Glück machten sie sich nicht einmal die Mühe, unter die Sitze zu sehen, als der Hund den Essig an meinen Händen roch und dann schnell das Interesse verlor.

 

»Was für ein Problem gibt es dieses Mal?« Mein Halbbruder hatte die Frage gestellt. Er war ein Jahr älter als ich und wir hatten verschiedene Mütter. Der Mann, der mir den Namen Longview gab, hatte seinen ersten Sohn Paris genannt.

Unser Vater hieß Buick. Namen waren anscheinend ein Familienfluch.

Paris und ich kamen nach Buick und sahen uns für Halbbrüder erstaunlich ähnlich. Paris war ein wenig schlanker und gepflegter. Seine Haare dunkler und kürzer. Meine waren von der Sonne ausgebleicht und hingen bis auf den Hemdkragen.

Paris hatte ein Zuhause gehabt, einen Vater, der fast immer da war, und er hatte den Namen Tindall geerbt. Ich bekam von Buick nur das Gesicht, das ich mir auch noch teilen musste.

Der alte Mann war in vielerlei Hinsicht ein Bastard. Wenn man mal von der Tatsache absah, dass ich der buchstäbliche Bastard in der Familie war. Meine Mutter war mit uns in den Osten der Trinity Bay in die Nähe von Houston gezogen, um näher bei Buick zu wohnen. Er zeigte uns seine Wertschätzung, indem er die Miete bezahlte und für ein wenig Essen auf dem Tisch sorgte. Abhängigkeit war die Falle, die meine Mutter entweder nicht verstand oder die sie nicht infrage stellte. Armut kann wie eine Kloschüssel sein: Glatte Wände und eine starke Strömung, die einen nach unten zieht. An der Stelle befanden wir uns, in der Mitte des Wirbels, während Buick zusah, wie wir uns im Kreise drehten. Wir waren gar nicht das schmutzige, kleine Geheimnis, das man sich vorstellte. Das hieß, wir waren überhaupt nicht geheim.

Buick Tindall war ein Texas Ranger. Paris Tindall war ein Texas Ranger. Longview Moody war ein Berufskrimineller mit einer gewalttätigen Vergangenheit. Manchmal kann ich fast so etwas wie ein Muster in meinem Leben erkennen. Ein Muster gab es definitiv: Wenn ich Ärger bekomme, rufe ich den einen Polizisten an, dem ich trauen kann.

»Die haben mich reingelegt«, sagte ich ihm und hielt das Telefon ans andere Ohr. Das rechte fühlte sich noch komisch an, wegen der Kugel, die nahe genug vorbeigeschossen war, um die kleinen Härchen zu streifen.

»Wo bist du?«, fragte er. Paris klang nicht erfreut, mich zu hören. Ich konnte es ihm nicht verübeln.

»Ich bin in einem Motel in El Paso. Ich muss erst mal schlafen, bevor ich nach Hause fahre.«

»Ich weiß nicht, wie ich dir im Moment helfen kann. Bei mir hat sich einiges getan. Ich hab einen neuen Job.«

»Einen neuen Job? Was?« Das war schwer zu glauben. Paris liebte es, Ranger zu sein, und so sehr ich es auch hasste, es zuzugeben: Er war einer von den guten. In unsere Familie fiel der Apfel weit vom Stamm und rollte dann einen Hügel hinunter.

»Ich werde der neue Polizeichef von Lansdale.«

»Was du nicht sagst.«

Lansdale, Texas, war eine Sackgasse am Ende einer kaum befahrenen Landstraße, gelegen in einer Einbuchtung im Grenzverlauf. Erinnert sich jemand an die Serie Weg in die Wildnis? Der Ort Lonesome Dove war das, was Lansdale werden wollte, als es durch die Gnade eines sterbenden Pferdes gegründet wurde, das seinen Reiter 1897 hier stranden ließ. Es war gewachsen, aber nicht auf gesunde Weise; eine größere Hölle ist nicht unbedingt eine bessere Hölle.

»Wieso?«

»Eben so.« Paris war schon immer gut mit Worten. »Was ist mit dir? Brauchst du Geld?« Es gab einen Grund, wieso ich ihm stets verzieh. Mein Bruder hatte nie was für meine Art zu leben übriggehabt. Er war sogar oft regelrecht verurteilend und schroff deswegen. Aber das hielt ihn nie davon ab, seine Hilfe anzubieten.

»Nein. Ich muss dir was sagen …«

»Ich muss los«, sagte er. »Wir treffen uns bei dir.«

Er hängte auf.

»Verdammt«, sagte ich in die tote Leitung. Dann: »Scheiß drauf.« Ich ging schlafen.

Meine Träume spielten in einer Unterwelt. Dunkelheit umgab und erfüllte mich. Ein organischer, verrotteter Geschmack füllte meinen Mund. Es war nicht wie der trockene Staub des Wüstenbodens. Was in meinem Mund fiel, als ich zu schreien versuchte, war feucht und fruchtbar. Es war wie die Erde, aus der Waldboden besteht, alte Blätter und nagende Würmer. Dann kamen die Blitze. Nicht als Blitzschläge, sondern Spritzer aus Licht. Explosionen wie Mündungsfeuer aus Elektrizität begleitet von bellendem Donnerhall. Einige klein. Oder weit entfernt. Ich war nicht sicher. Der Knall kam jedes Mal unvermittelt. Manche der Entladungen waren größere, aufeinanderfolgende Lichtblitze und Druckwellen, wie eine Schrotflinte, die man in einem Sarg abfeuert.

Ich wünschte, ich hätte einen Sarg.

Als ich aufwachte, war die Sonne beinahe verschwunden und durch Gewitterwolken und Sturm ersetzt worden. Lichtblitze zeigten in Richtung Süden, klagten mich an und betrogen mich zugleich. Ich versuchte noch mal, Paris anzurufen. Der Anrufbeantworter ging ran. Es war sinnlos, ihm eine Nachricht zu hinterlassen.

Bevor ich aufbrach, duschte ich. Der zweite Versuch, das Gefühl des Grabes abzuwaschen, seitdem ich in das kleine Motel gekommen war. Ich ließ den Schlüssel auf dem verschwitzten Bett und trat hinaus in den Regen. Eine dritte Dusche.

 

»Wovor laufen Sie denn weg? Gefängnis?«, fragte die Kassiererin. Ich sah mich um, ob sie jemand anderes meinte. Tat sie nicht. »Was meinen Sie?« Ich versuchte, nicht zu besorgt zu klingen. Ich war vom Hotel direkt zu einem Truck-Stop gefahren. Einer von den großen mit Duschen und stapelweise Truckermützen zum Verkauf. Hier gab es auch Stiefel und sie hatten ein Regal mit Jeans. Ich kaufte neue Hosen; ein sauberes Hemd – mit perlmuttfarbenen Druckknöpfen; und ein Prepaid-Handy.

Die Frau, auf deren Namensschild Rochelle stand, zeigte auf das, was ich auf den Tresen gelegt hatte. Wenn man meinen kleinen Stapel an Waren so ansah, hätte man ihn nur dann noch verdächtiger wirken lassen können, wenn ich eine Flasche Whisky und einen neuen Revolver hinzugefügt hätte.

»Oh«, sagte ich und lachte ein kleines Schon-verstanden-Lachen. »Ja, könnte man so sehen.« Dann lehnte ich mich über den Tresen zu ihr, gerade weit genug, um ihr in den Ausschnitt zu sehen und zu riechen, welche Hautcreme sie benutzte. »Meine Frau hat mich rausgeworfen.«

Sie errötete ein wenig. Ich war mir nicht sicher, ob es wegen dem war, was ich gesagt hatte oder was ich in ihrer Vorstellung eben dachte. Sie war hübsch, da konnte man auf Gedanken kommen. Ich wünschte mir, dass ich nicht direkt weiter Richtung Heimat müsste und dass ich nicht die letzte Nacht hinter mir gehabt hätte.

»Das ist eine Schande«, sagte sie und meinte es auch so. »Das macht 64,87. Wo kommen Sie denn unter?«

Es war eine unverfängliche Frage. Ich war so aufgekratzt, dass ich vielleicht mehr hineinlas, als sie gemeint hatte. »Wissen Sie, Rochelle … Sie duften besser als ein Blumenstrauß.« Ich sah ihr wieder ins Gesicht. »Ich bin noch eine Weile unterwegs, aber dabei werde ich an Sie denken.« Ich zog zwei Hunderter aus der Rolle Scheine, die ich dabeihatte. »Nehmen Sie das und machen Sie sich einen schönen Abend. Vielleicht denken Sie ja an mich.«

Ich zog mich im Duschraum um. Als ich mit meinen neuen Sachen wieder ging, warf Rochelle mir eine Kusshand hinterher. Ich fühlte mich fast wie ein Mensch. Fast. Ich war etwa eine Stunde von El Paso entfernt, als ich zu weinen begann. Ich mag es nicht, aber es geschieht nach einem Kampf. Es ist mir in der Army passiert, und heute immer noch. Man sollte es nicht für Schwäche halten. Es ist nicht einmal die Schuld. Vielleicht ist es nur der Stress, aber es ist Teil meiner Routine. Wie traurig ist es, dass ich Routine habe, wenn es darum geht, mit dem Tod und dem Töten fertig zu werden?

Als es vorbei war und das neue Telefon geladen, fuhr ich rechts ran und richtete es ein, dann rief ich erneut Paris an.

»Was?«, fragte er und hörte sich noch gehetzter und genervter an, sobald er wusste, wer anrief.

»Ich bin es«, sagte ich.

»Ich dachte, du fährst zu dir?«

»Mache ich auch«, sagte ich in meinem besten Nur-die-Fakten-Tonfall. »Ich war in El Paso, wenn du dich erinnerst.«

»Was hast du da gemacht?«

»Das willst du nicht wissen.«

»Will ich das von Berufs wegen nicht wissen?«, fragte er.

Ich hasste diesen selbstgefälligen Tonfall, der sich in seine Stimme stahl. Das war keine Überraschung. Er und ich hatten schon vor langer Zeit aufgehört, einander zu überraschen. Der schwierigste Teil unserer Beziehung war wohl die völlige gegenseitige Vorhersagbarkeit.

»Das willst du egal aus welcher Warte nicht wissen«, sagte ich. »Und bevor du noch mal fragst, ich brauche kein Geld.«

»Da bin ich ja froh.« Er klang ungläubig.

Ich fragte mich, ob Paris es genoss, seinem Bruder ein paar Almosen hinzuwerfen, wenn ich in Schwierigkeiten war. Ich hakte nicht weiter nach. »Was ist denn mit dieser hochoffiziellen Sache? Wieso nimmst du den Job an?«

»Es gibt ein paar Dinge, die ich erledigen muss. Ich hab ja als Ranger höchstens die kleinen Löcher im Boot gestopft. In Lansdale kann ich vielleicht ein paar große Fische an Land ziehen.«

»Was für große Fische?«

Er antwortete nicht und das billige Telefon rauschte, wenn niemand etwas sagte.

»Paris?«

»Wovor rennst du diesmal weg?« Er hatte immer so eine Art, direkt zur Sache zu kommen.

Dieses Mal war ich derjenige, der sich um die Antwort drückte.

»Du kannst aufhören«, sagte er. »Mit Wegrennen. Mit allem.«

»Und was tun?«

»Mir helfen.«

»Ich kann kein Cop werden. Vergiss mal die Situationskomik dabei. Ich hab eine Akte.«

»Menschen mit vielen Strafzetteln haben eine Akte. Du bist ein Krimineller mit einem Bein im Knast.«

»Ist das der Fachbegriff?« Ich fuhr an einem langsamen SUV vorbei und blieb auf der linken Spur, um ein paar Laster zu überholen.

»Du hast doch in Angola eingesessen. Das könnte nützlich sein.«

»Da bin ich ja froh, dass ich dir behilflich sein kann.«

»Das kann dir selbst auch helfen«, sagte er. »Auf lange Sicht.«

»Sehr lange Sicht.« Ich hoffte, es war mir gelungen, möglichst verbittert zu klingen.